Land & Leute
 
Die Bevölkerung

»… nie zuvor ist mir ein streitsüchtigeres, kriegerischeres Volk begegnet, das bei der kleinsten Provokation zu Gewaltausbrüchen neigt«, schrieb 1712 der Anthropologe Jules Grenouille, kurz bevor ihn ein Mönchsnovize mit dem Messer erstach, weil ihn das Kratzen von Grenouilles Schreibfeder nervte.
Dass Phaic Tăns Geschichte von Blutvergießen und Gewalt geprägt ist, lässt sich nicht leugnen. Um diese kriegerischen Neigungen einzudämmen, experimentierte die Regierung vor einigen Jahren mit Östrogenen, die sie dem Trinkwasser beimischte, was zu einem leichten Rückgang von Gewaltverbrechen, aber auch zu einem enormen Anstieg von Buchklubgründungen führte.
Die genaue Bevölkerungszahl von Phaic Tăn lässt sich schwer schätzen, da in diesem buddhistischen Land viele Bürger dazu neigen, bei Volksumfragen neben ihrem gegenwärtigen auch ihre früheren Leben anzugeben. Außerdem wurden mehr als 300 der mit der letzten offiziellen Volkszählung beauftragten Beamten mutmaßlich gekidnappt, weshalb die Zahlen zwangsläufig unvollständig sind.
Da die größeren Ballungszentren immer noch mit Überbevölkerung zu kämpfen haben, hat die Staatsgewalt in letzter Zeit verschiedene Projekte zur Senkung von Phaic Tăns Bevölkerungszahl initiiert. 1980 wurde das Tempolimit auf 340 km/h erhöht und das Umzäunen von Schwimmbädern verboten – zwei Maßnahmen, die unmittelbar Erfolge erzielten. Mit der Wiedereinführung von verbleitem Benzin im Jahre 1992 konnte die Bevölkerungszahl weiter dezimiert werden.

Phaic-Tănesen haben eine außergewöhnliche Begabung dafür, auf öffentlichen Plätzen einzuschlafen. Ihre nachmittägliche Siesta, khonk genannt, halten sie von 14 bis 16 Uhr.

Trotz der mannigfachen Einflüsse durch Tourismus und Handel ist Phaic Tăn immer noch tief in seinen Traditionen verwurzelt. Es gibt verschiedene Höflichkeitsregeln und Etikette-Vorschriften, die das soziale Miteinander enorm erleichtern. Touristen wird besonders die Beachtung der differenzierten Begrüßungsformeln empfohlen, die in Form von Rumpfbeugen mit genau vorgeschriebenem Neigungswinkel durchzuführen sind. Begegnen Sie einheimischen Gastgebern mit höflicher Distanz und beachten Sie insbesondere die zahlreichen ausgefeilten Regeln, die beim Betreten eines Hauses gelten. Äußern Sie nie und unter keinen Umständen offene Kritik (!) und sorgen Sie unbedingt dafür, dass Ihr Gegenüber niemals sein Gesicht verliert. Vergessen Sie nicht: In der Landessprache gibt es keine Entsprechung für das Wort „nein“. Und: Ein Faustkampf gilt in Phaic Tăn als Zeichen größten Respekts, besonders wenn dabei Blut fließt.

Die traditionelle Begrüßunghaltung heißt Kop. Sie wird auch zur Selbstverteidigung eingesetzt.

Wenn Sie diese Regeln beherzigen, wird Ihnen die Reise durch dieses wunderbare Land mit seinen einzigartig herzlichen Menschen als unvergessliches Erlebnis im Gedächtnis bleiben. Über weitere wichtige traditionelle Verhaltensvorschriften informiert Sie ausführlich der bislang einzige Reiseführer zu Phaic Tăn.

     
  Textauszug aus Phaic Tăn, Land des krampfhaften Lächelns, Heyne Verlag
© Verlagsgruppe Random House GmbH